Kurzgeschichten aus dem PU #1

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    • Kurzgeschichten aus dem PU #1



      Ellis XIII "Pinecone"

      ...Nördliche Hemisphäre...
      ...Minen Territorium Tarsus Corp...
      ...Raumhafen Kol-148...
      ...Wohncontainer Komplex L23...


      Seine Stiefel gingen langsam aus dem Leim. Es fiel ihm während der 2-wöchigen Langstrecken-Eskorte auf die er gestern wieder einmal hinter sich gebracht hatte. Doch er hatte sich fest vorgenommen für keine noch so kleine Anschaffung Geld auszugeben, ehe er nicht diesen verdammten befristeten Vertrag endlich vom Hals hatte. "Exolog...tz!", murmelte er. Er hätte es wissen müssen. Zwar klang diese Sicherheitsfirma zumindest etwas seriöser als sein vorheriger Arbeitgeber, die "Secure Interspace Agency", unterschied sich im Endeffekt aber nur wenig von dieser.

      Das Arbeitsgerät bestand hier wie da aus heruntergekommenen RSI Aurora Baujahr "2932". Veraltete M2F Laserkanonen von Behring's mit wenig Durchschlagskraft und der zusätzliche Treibstofftank, der im Raumkampf die Wendigkeit arg beeinflusste, gehörten zum Standard. Abgewetzte Sitze und Kojen und Macken in der Elektronik rundeten das Ganze ab. Hinzu kam
      noch die lange Einsatzdauer bei der man am besten die ganze Zeit über döste, um nicht in einer Tiefschlafphase von Piraten überrascht zu werden. Laut UEE-Arbeitsrecht waren normalerweise 2 Piloten pro Eskorte Pflicht, nur die Realität sah wie so oft anders aus; besonders bei so windigen Arbeitsgebern in dessen Diensten Alex sich meist befand, seitdem er aus der Navy entlassen worden war.

      Im Ellis System konnte man an und für sich die Sau raus lassen und viel Spaß haben. Zu diesem kleinen, trostlosen Felsen am äußeren Rand des Systems kam man allerdings nur um eines zu tun; zu arbeiten. Fernfahrer ließen ihre Schiffe mit Erzen beladen oder lieferten Maschinen und Ausrüstung für die Minengesellschaften. Bergarbeiter führten gefährliche Arbeiten für eine beeindruckende Entlohnung aus oder setzten billige Sklaven für die völlig unzumutbaren Aufgaben ein. Dann noch allerlei Wartungspersonal und die Kategorie zu der Alex gehörte; die Piloten der Eskortschiffe, die die schwerbeladenen Transporter sicher zurück zur Erde begleiteten. Zusammengepfercht in Container Komplexen waren sie fast pausenlos im Einsatz. Lediglich 3 Tage zur Erholung gönnte man ihnen. Allerdings war man in diesen drei Tagen auf Bereitschaft und so wusste man nie wann es wieder losging.

      Was in Port Kol-148 definitiv besser war als vor einem Erdjahr in Port Tey-89, war das Essen und auf das wartete Alex nun, während er in der Kantine seines Gebäudekomplex saß und gedankenverloren auf seine Stiefel blickte; sich fragend ob er Vakuumkleber benutzen sollte um sie wieder zu flicken. Chef der Küche war Rebecca. Alex hatte sie seit den 4 Monaten in denen er hier war kaum beachtet. Ihr ging der Ruf voraus sich mit jedem Typen einzulassen der hereingeschneit kam und sich mit ihr beschäftigte. Dennoch schien sie ein Auge auf ihn geworfen zu haben, was er durch andere Piloten erfuhr bei denen sie sich nach ihm erkundigt hatte. Während sie bei anderen eher wortkargen Piloten das Essen, zwar freundlich, aber ebenso kurz angebunden ausgab, reagierte sie auf Alex vollkommen anders. Sie begrüßte ihn meist schon beim Hereinkommen und erkundigte sich nach seinem Wohlbefinden. Wenn Alex dies meist nur mit Brummlauten oder Schulterzucken quittierte oder es einfach direkt mit seiner Bestellung überging, schien sie das zu amüsieren und nicht im Geringsten zu entmutigen. Die jüngeren Piloten feixten schon jedes Mal wenn Alex die Kantine betrat. Die Älteren hatten Mitleid mit der Köchin und stießen ihn in den Unterkünften an, er solle doch mal etwas deswegen unternehmen. Die Kleine sei ja schon ganz verzweifelt. Dass es Alex genau wegen einer Frau auf diesen Felsen verschlagen hatte konnten sie ja nicht wissen.

      Mit 18 war Alex in die Navy eingetreten. Geboren auf dem Mars und aufgewachsen, verbrachte er eine angenehme Kindheit. Doch für ein Leben in der Stadt oder gar auf dem Land konnte er sich nie begeistern. Ihn faszinierten seit jeher die Weiten der Galaxis. Allerdings waren seine Noten nie derart überragend, um später einmal eine Forscherkarriere anstreben zu können. Obwohl er zwar abenteuerlich veranlagt war, mochte er es doch wenn Dinge wie Unterkunft und Verpflegung schon im Voraus geklärt waren. Nach zwei Jahren Ausbildung auf dem Flugdeck einer Raumstation qualifizierte er sich für die Flugschule der Navy. Nach weiteren 4 Jahren kehrte er zurück zum Stationsdienst, diesmal als Pilot einer Aegis Avenger. Während dieser Zeit lernte er seine spätere Langzeitfreundin kennen. Nach etwa 6 Jahren trennte sich das Paar nachdem Alex erfuhr dass ihn seine Freundin mehrfach betrug. Als seine Dienstzeit von 12 Jahren ablief, verlängerte er aus Frust nicht was er jetzt, zwei Jahre später, anfing zu bereuen.

      Kurz um, er hatte nicht viel übrig für Frauen die leicht zu haben waren. Zudem stellte sich seine neue Stelle als ebenso enttäuschend heraus wie seine alte und er wäre, am liebsten eher Heute als Morgen, wieder von hier verschwunden.

      Es war bereits Nachmittag, ungefähr 17:00 Uhr ETC. Pinecone hatte eine Eigenrotation von ungefähr 22 Stunden und ein paar zerquetschten, also stimmten Tag- und Nachtwechsel in etwa mit der Standarterdzeit überein. Zu sehen war vom Ellis Stern allerdings nicht viel, denn der Zwergplanet war etwa 7 Milliarden Kilometer von seiner Sonne entfernt und diese war nicht mehr als ein hell leuchtender, kleiner Punkt am Himmel. Gott sei Dank reflektierte Pinecone's Oberfläche die Sonnenstrahlen genug, um zumindest am Tage nicht im Dunkeln zu tappen. Nachts war es so stockfinster wie im tiefen Raum, was bei Stromausfällen (die häufiger in den Wohnquartieren von Alex auftraten) gar nicht so lustig war. Zur Sicherheit schlief er dann meistens direkt in seinem Raumanzug da er den Umweltkontrollen nie ganz über den Weg traute, auch wenn diese über ein eigenes Stromnetz verfügten. Sicherheitsfirmen sparten dieser Tage wo sie nur konnten und da bildeten die Quartiere der Eskorten keine Ausnahme. Zumindest betrug seine Vertragsdauer ein Erdjahr, denn ein Jahr auf Ellis XIII dauerte 298 Jahre. Das war der Standartspruch der unter den Piloten kursierte, wenn wieder einmal etwas schief ging oder die Firma an der Ausrüstung gespart hatte.

      Wie bereits erwähnt war das Essen eine angenehme Überraschung gewesen. Bei seinem vorigen Auftraggeber, gab es fast ausschließlich die Notrationen zu essen, die man ohnehin auf den Flügen bereits zur Genüge zu sich nahm. In der Kantine konnte man lediglich mehr von diesen Spezialitäten erwerben. Dass es diesmal anders lief verdankte Alex dem Umstand dass die Kantine nicht von der Exolog Inc. oder der Tarsus Corp. betrieben wurde, sondern von Rebecca. Sie zahlte lediglich die Miete für die Räumlichkeiten direkt an die Tarsus Minengesellschaft. Bezahlt wurde sie pauschal von der jeweiligen Firma die den Wohnkomplex L23 gerade nutzte. Das band sie zumindest jedem auf die Nase der es hören wollte, oder wie im Fall von Alex einfach ungefragt.

      Er saß als einziger so ziemlich in der Mitte des Raumes an einem Tisch. Angekommen war er heute Morgen um circa 04:00 ETC, hatte sich danach mit einer Flasche Vega Cluster auf sein
      Zimmer verzogen und war erst vor einer Stunde wieder erwacht. Die Transporter Konvois legten meistens alle 6 Stunden ab. Um 6,12,18 und 24Uhr ETC. Wer also raus musste war jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach im Hanger der Eskortschiffe unterwegs und unternahm die letzten Vorbereitungen. Wer dienstfrei hatte trudelte meistens so um 19:00 Uhr ein um etwas zu essen. Alex hatte sich in der Zeit vertan und war schon im Begriff kehrt zu machen und wieder zu gehen, als Rebecca ihn zurück rief. "Essen ist in einer halben Stunde fertig. Kannst du so lange warten?", sagte sie und strahlte ihn an. Alex nickte kurz und Rebecca wendete sich daraufhin vergnügt ihrer Küche zu.

      Sie summte eine XI'an Schmonzette nach die aus den Lautsprechern säuselte. Sie kannte sich sehr gut mit der XI'an Kultur und deren Küche aus. Das erzählte sie zumindest jedem, so wie auch jetzt wieder: "Meine Mom und mein Daddy bekochten damals schon die Navy Jungs, so wie ich euch heute bekoche. Wir lebten auf einer Station im Oya System. Von Zeit zu Zeit machte mein Daddy einen Abstecher zum Hadur System und deckte sich mit neuen xi'anischen Gewürzen ein. Wenn ich so daran zurück denke war es eine sehr schöne Zeit; besonders weil wir so gut wie keine Sorgen hatten. Das Talent zum Kochen hab ich von ihm geerbt und von meiner Mutter das gute Aussehen...", zwinkerte sie Alex grinsend zu. "Die XI'an haben wirklich eine wunderschöne Sprache und Kultur. Ich wünschte ich könnte wieder eine Weile dort unten leben oder zumindest in der Nähe, so wie früher als Kind. Die Küche ist sehr würzig und normalerweise scharf wie Feuer aber ich schraub es immer für euch runter, damit keiner Magenbeschwerden bekommt oder so was. Mein Daddy war der beste menschliche Koch der die XI'an Küche beherrscht hat und ich glaube aus mir ist auch eine ganz passable Köchin geworden. Oder was meinst du, hm?", fragte sie ihn wobei sie symbolträchtig die Suppenkelle schwang.

      Alex war es schon gewohnt das Becca plapperte wie ein Wasserfall und er hatte sich angewöhnt nur mit halben Ohr hinzuhören.

      "Hm...", bestätigte er nur kurz und nickte. Becca drehte sich allerdings mit einem etwas unsicheren Gesichtsausdruck zu ihrem Schneidebrett um und schwieg. Zum ersten kam ihm der Gedanke, dass er es mit seinem abweisenden Verhalten langsam wohl zu weit treibe und er schämte sich ein bisschen für seine eiskalte Art. "Ehm", stammelte er und versuchte ein Gesprächsthema zu finden.

      "Wieso war? Wo ist dein Vater denn jetzt?", fragte er plötzlich und war selbst darüber erstaunt, dass er eine so persönliche Frage stellte. Sie drehte sich erstaunt zu ihm um, einen Kochlöffel In der Hand an dem Reiskörner klebten. Das war wohl das erste Mal das Alex sie etwas fragte was nicht mit einer Bestellung zusammenhing.

      "Meine Eltern leben heute nicht mehr...", sagte sie etwas nachdenklich und schaute Alex mit großen Augen an; in Erwartung was er wohl als nächstes Fragen würde. Alex hatte einen Kloß im Hals über so viel erschütternde Ehrlichkeit.

      "Ich..äh.....Tut mir leid......Entschuldige...", stammelte er verlegen und schabte mit einem Fuß an der aufgerauten Stelle seinen Stiefels, die er vor hatte zu flicken.

      "Nein, schon gut. Das ist ja auch nun schon Jahre her.", sagte sie in einem beruhigenden Ton, als sie ihm den Rücken zuwendete und wieder anfing, in einem Topf zu rühren. Als sie ein paar Mal mit dem Löffel auf den Topf Rand schlug um Reis von diesem zu lösen,war das für Alex ziemlich bedrückend. Denn er wusste nicht ob er insgeheim ihre Gefühle verletzt hatte. Zum ersten Mal kümmerte ihn das überhaupt.

      "Ich wollt mich bei dir entschuldigen...", sagte er schließlich kleinlaut. "Dafür dass ich dich so abweisend behandelt hab, über die letzten Wochen und Monate."

      Zerknirscht schaute er sie an; während Rebecca einen kurzen Moment inne hielt. Dann blickte sie kurz über ihre Schulter und lächelte verschmitzt.


      Fortsetzung folgt.....